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06.07.2026 Читать источник
Роберт Зеедлер: новая книга «Улица» — сцена для всей жизни, а автор теперь увлекается фотографией

Австрийский писатель Роберт Зеедлер в интервью рассказал о своем последнем романе «Улица», где действие происходит в безымянном месте, но раскрываются вечные человеческие драмы. Писатель отметил, что для него важнее не конкретные локации, а моменты встречи людей, и сообщил, что параллельно с творчеством активно занимается фотографией.
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Robert Seethaler: "Die Straße" - eine Bühne für das ganze Leben
Der Wiener Schriftsteller Robert Seethaler spricht im Interview über seinen neuen Roman "Die Straße", über zeitlose Figuren, den Umgang mit Kritik und warum ihn menschliche Begegnungen mehr interessieren als Orte. Und verrät, was er außer Schreiben am liebsten macht.
Robert Seethalers Straße heißt Heidestraße. Eine Straße, unaufgeregt im Irgendwo, aber ein Ort, an dem sich alles abspielt: Hier wird gestorben, geboren, Menschen verlieben, kränken, verletzen und enttäuschen sich. Das ist das Gefühlspanorama, das Robert Seethaler gekonnt ausgestaltet und mit dem er seine Geschichten erzählt.
Einschlägig hat er das immer wieder gemacht mit seinen Romanen wie beispielsweise "Der Trafikant" (2012), "Ein ganzes Leben" (2014), "Das Feld" (2018) oder zuletzt "Das Café ohne Namen" (2023). Zu Gast bei NDR Kultur à la carte spricht er mit Annemarie Stoltenberg über seinen jüngsten Roman "Die Straße", über das Schreiben und Nachdenken in aufgeregten Zeiten.
Ihr erster Roman erschien 2006. Es war die literarische Bearbeitung eines Drehbuches mit dem Titel "Die Biene und der Kurt". Dafür haben Sie den Debütpreis des Buddenbrookhauses in Lübeck bekommen. Ihre Karriere hat sozusagen im Norden begonnen.
Robert Seethaler: Ja, kann man so sagen. Ich weiß auch nicht, warum es mich immer wieder hierher treibt, aber es ist schön, selbst für einen Wiener.
Im neuen Buch "Die Straße" beschränken Sie sich auf eine einzige Straße als Handlungsort und man lernt eine ganze Menge Menschen kennen. Ich habe bei der Lektüre gemerkt, dass man manche davon ins Herz schließt und neugierig ist, wie es mit ihnen weitergeht.
Seethaler: So ist das im Leben. Manche schließt man ins Herz, manche stoßen sich durchs Herz, manche gehen einfach vorbei. So ist es jeden Tag. So ist es zumindest in meinem Leben immer. Ich habe versucht, diesem Rhythmus zu folgen - dem Rhythmus einer Straße.
Zu Ihrem Roman "Der letzte Satz" ging es um die letzte Reise von Gustav Mahler. Damals gab es dazu viele kritische, wirklich abfällige Rezensionen. Stecken Sie so etwas weg oder hat Sie das damals mitgenommen?
Seethaler: Man steckt es weg und man wird auch ein wenig von dieser Welle mitgenommen, klar. Aber man muss es wegstecken, irgendwo muss man es hinpacken und es geht dann weiter. Das war schon ganz schön fies damals, aber dann kam das Nächste. Man weiß nicht, was in solch einem Kritikerkopf vor sich geht.
Die erste Kritik zu Ihrem neuen Buch kam von Andreas Platthaus und die war richtig jubelig. Da dachte ich, es ist immer gut, wenn die allererste Kritik positiv ist. Sie gibt die Marschrichtung vor.
Seethaler: Ich weiß das nicht. Ich will es auch gar nicht wissen. Ich schreibe oder lebe nicht für oder gegen Kritiker. Die meisten kokettieren damit. Ich lese es mittlerweile nicht mehr. Manche Kritiken werden zugeschickt oder es wird einem zugetragen. Man entkommt der Kritik nicht wirklich. Ich weiß nicht, war es gut oder schlecht, darüber zerbreche ich mir nicht mehr den Kopf.
Die Figuren in "Die Straße", von denen Sie erzählen, sind das Menschen, denen Sie begegnet sind oder haben Sie die erfunden?
Seethaler: Die habe ich weder erfunden, noch sind sie mir tatsächlich begegnet. Ich schreibe nicht von der Wirklichkeit ab, sondern versuche, beim Schreiben eine eigene Wirklichkeit zu entwickeln. Ich versuche nicht, die Dinge, die Menschen, die Figuren oder die Geschehnisse zu beschreiben, sondern jedes Einzelne zu erschreiben, aus sich selbst heraus. Jede dieser Figuren bin andererseits auch ich. Man kann nur aus dem eigenen Herzen heraus schreiben. Erfinden heißt neu schaffen. Erzählen heißt erfinden.
Als ich das Buch gelesen habe, hatte ich vor Augen, dass es in Wien spielen könnte. Aber wenn ich Sie höre, denke ich, es ist vielleicht doch Berlin oder ist diese Straße, nirgendwo?
Seethaler: Sie ist überall. Diese Straße kann überall sein. Sie ist unsere Straße. Es ist meine Straße, deine Straße, es ist halt eine Straße. Mich interessiert vor allem die Zeit und Ortlosigkeit. Zeiten und Orte sind mir gar nicht so wichtig. Die sind meistens austauschbar. So wie hingepinselte Bühnenbilder, vor denen sich das eigentliche Drama abspielt. Die menschliche Begegnung interessiert mich. Das ist überall möglich.
Die Straße ist deswegen ein guter Ort, weil es einerseits ein Ort der Begegnung ist. Man geht raus, trifft Menschen, nimmt Kontakt auf und kommt ins Gespräch und in die Auseinandersetzung, Streit oder auch Gewalt. Jedenfalls ist es erzählenswert. Andererseits ist es auch ein Ort des Rückzugs. Man weiß nicht, was hinter den Fenstern, Gardinen und Stirnen der Menschen und der Passanten vor sich geht. Dieses Spannungsverhältnis interessiert mich.
Thema Ihres neuen Buches "Die Straße" sind die Menschen. Es hat etwas ganz Archaisches, Urmenschliches in manchen dieser Gestalten, die man da kennenlernt. Manche sind verstörend in ihren Ansichten oder Verhaltensweisen. Ist es so, dass das in Ihnen weiterarbeitet? Ist das Buch nur eine Zwischenstation?
Seethaler: Ja, so ist es immer. Jeder Augenblick ist eine Zwischenstation, die Absprungrampe für den Nächsten. Jedes Wort sucht den Nachfolger. Jeder Tag ist nur der Vorgänger des Nächsten. Das ist das Schöne. Ich weiß nicht, was als nächstes kommt. Dieses Buch lebt nicht in mir weiter, aber die Arbeit lebt in mir weiter: die Neugier auf das, was da kommen mag. Das Mosaik ist noch nicht fertig. Vielleicht gibt es noch ein anderes, ein viel größeres Kirchenfenster. Ich werde es wahrscheinlich weiterbauen. Auf welchem Gebiet, weiß ich noch nicht.
Haben Sie parallel schon einen neuen Text begonnen oder warten Sie eine Weile?
Seethaler: Nein, ich fotografiere jetzt. Tatsächlich ist das gerade die große Sache, die mich interessiert. Das ist etwas, was sehr eng mit dem Schreiben verbunden oder fast eins damit ist. Im Grunde resultiert das Schreiben aus dem Sammeln von Augenblicken. Ich bin Augenblicksammler und da passt das Fotografieren sehr gut. Beim Fotografieren versuche ich nicht nur Augenblicke zu sammeln, sondern auch zu sehen. Das ist scheinbar paradox. Ich sammle sie ein, gleichzeitig sehe ich, was beim Entwickeln wächst, oder sich mit Licht oder Bedeutung füllt.
Das Gespräch führte Annemarie Stoltenberg.
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