Немецкий Культура
24.08.2026 Читать источник
Пунк-рокер Мончи проводит литературную встречу в малом городе Ярмен, обсуждая политику и любовь к родному краю

Синглер группы Feine Sahne Fischfilet Мончи организовал бесплатную лекцию в скейт-парке своего родного города, чтобы обсудить с местными жителями проблемы политики и идентичности. Во время мероприятия автор поделился мыслями о противоречивых чувствах к своей малой родине и критике правых сил, выступая перед небольшой, но преданной аудиторией.
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Оригинальный контент
Die Sonne lugt zum ersten Mal an diesem Tag hinter den Wolken hervor, es weht die typisch norddeutsche Brise, auch wenn die Ostsee noch eine halbe Stunde Autofahrt entfernt ist. Auf einer Bank am Skatepark von Jarmen sitzt Jan Gorkow, genannt Monchi, in kurzer Hose und mit einem Schlapphut auf dem Kopf, dazu schwarze Flip-Flops. Auf seinem Hemd sind Wolfsköpfe, zugekettete Särge, Messer, Stacheldraht und Henkerschlingen abgebildet. Neben ihm fahren zwei Jungs mit ihren Stunt-Rollern über die Halfpipe. Bierbänke stehen herum und oben, auf der Plattform einer Rampe, ein Stuhl, ja fast schon ein Thron. Barock sieht er aus, als hätten einst Fürsten oder Grafen auf ihm gesessen. Die Flecken darauf zeigen, er hat schon bessere Zeiten erlebt.
Monchi, das ist der Sänger von der Punkrock-Band Feine Sahne Fischfilet. Einer, der es gewohnt ist, vor tausenden Menschen zu singen. Für die ist er ein Star. Hier in Jarmen ist er aber immer noch einer von ihnen. Jani von umme Ecke. Ihr Monchi eben, der seinen Spitznamen bekam, weil er früher eine gewisse Ähnlichkeit mit den Monchichi-Puppen hatte. Der, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Tätowiert von oben bis unten, Vollbart, tiefenentspannt. Jarmens Aushängeschild. Auf dieser Halfpipe, auf der im Moment noch das Metall der Roller über die hölzernen Rampen kratzt, wird Monchi vier Stunden später eine Lesung halten. Vor Menschen, die teilweise rechts wählen. 54 Prozent der Zweitstimmen in Jarmen gingen bei der Bundestagswahl 2025 an die AfD. Rumms. Ein Schlag in die Fresse für den „bekanntesten Linken der Stadt“. Sein Dorf wählt rechts. Auch am 20. September bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern?
Monchi berichtet im Buch über sein Leben in der ostdeutschen Provinz
Sein Heimatort hat gut 2700 Einwohner und ist eigentlich eine Landstadt (Stadt mit weniger als 5000 Einwohnern), die direkt an der A20 liegt. Für Monchi ist Jarmen ein Dorf. Die nächste „richtige“ Stadt? Greifswald. Der nächste Bahnhof? „Digger, der nächste Bahnhof ist hier über 20 Kilometer entfernt.“ Hier ist Provinzleben angesagt. Shoppen gehen? Ist nicht! Hier sind die Menschen auf ihr Auto angewiesen, wenn sie rauswollen, etwas erleben. Der Comedian Felix Lobrecht machte über eine nicht ausverkaufte Show in der Landeshauptstadt Schwerin einmal den Witz: Auf jeden besetzten Stuhl kamen drei leere und neun Hektar Land. So leer wie im Saal bei Lobrechts Auftritt sieht es auch um Jarmen herum aus. Viel Land, viel frische Luft … und unglaublich viele Windräder. Daher bekommt Bayern also den günstigen Strom.
Zurück zu Monchi. Der sitzt nicht ohne Grund an einem Dienstagnachmittag auf einer Bank am Skatepark. Er sitzt dort, weil er ein Buch geschrieben hat, das die Medien aus ganz Deutschland interessiert und zu dem er nun Interview um Interview gibt. „Jenseits der Brandmauer – über mein Leben in der ostdeutschen Provinz“ heißt es und ist dieser Tage, am 13. August erschienen. Ein sehr bewusst gewähltes Datum. Am 13. August vor 65 Jahren begann der Mauerbau und damit die harte Teilung Deutschlands. Eine Mauer zwischen Ost und West. Zwischen Demokratie und Sozialismus. Diese Teilung hat Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken, auch wenn die DDR seit 36 Jahren nicht mehr existiert. Spuren, die dazu führen, dass 54 Prozent der Jarmener die AfD wählen?
Frust der Bewohner beschäftigt das Dorf Jarmen
Der erste Eindruck von Jarmen: Es gibt Leerstand im Ort, ein paar alte Gebäude, auf denen noch zu lesen ist, welcher Laden sich früher einmal darin befand, verfallen allmählich. Es finden sich keine Nachmieter mehr. Einige Geschäfte öffnen auch nur noch auf Anfrage. „Sehr geehrte Kundschaft, ab sofort stehe ich Ihnen nur noch auf Abruf zur Verfügung“, steht auf einem Zettel, der an der verschlossenen Tür eines Ladens für Computer, Multimedia und Technik hängt. Die Fahrschule hat nur an zwei Tagen die Woche für ein paar Stunden geöffnet. Und eine Gaststätte steht lediglich für angemeldete Feiern und Veranstaltungen zur Verfügung. Ein Dorf, das stirbt? Deshalb die AfD? Aus Frust?
Das mit dem Sterben kann man natürlich so klischeehaft schreiben. Aber ist das eine Erklärung? Monchi winkt ab. So einfach ist es nicht. In den Städten sehe es doch nicht viel anders aus. Man kann Jarmen aber auch anders sehen: Vier Supermärkte, ein Eiscafé, viele Sitzgelegenheiten im Zentrum oder unten am kleinen Hafen an der Peene. Die Sonne scheint, das Schilfgras rauscht im Wind und die Seerosenblätter treiben auf dem dunkelgrünen Wasser. Gelegentlich kommt ein kleines Boot vorbei. Ein paar Leute angeln auch. Die Umgebung lässt einen Hauch von Urlaubsstimmung aufkommen. Auf den ersten Blick gibt es definitiv schlechtere Orte, um dort zu leben.
Monchi kritisiert Einfluss der Bundespolitik auf die Stadt
Wieso also die AfD? Und wieso so deutlich? Zweitstärkste Kraft ist die CDU und die bringt es gerade einmal auf 12,3 Prozent. „Alter Verwalter.“ Das sind fast 42 Prozentpunkte weniger. Ist die AfD im Ort so stark engagiert? Im Gegenteil! Es sitzt kein einziges AfD-Mitglied in der Stadtvertretung, sagt Monchi und haut jetzt mal seine Sicht der Dinge raus. Das Problem sei nicht Jarmen, oder der Bürgermeister, der sich 24/7 den Arsch für die Stadt aufreiße. Schuld sei Berlin. Genauer gesagt die Parteien, die von dort aus Entscheidungen für das ganze Land treffen. An dieser Stelle bekäme er wohl auch Applaus von der AfD.
Monchi, sichtlich angefressen von der Parteipolitik in der Hauptstadt sagt jetzt: „Das Problem ist, dass die Politik von der Großstadt aus gedacht wird. Vielleicht würden sich ein paar Leute freuen, wenn man manchmal das Gefühl hätte, die Politik würde auch vom Land aus gedacht werden.“ Das sei der rote Faden. „Die Leute sind abgesessen von dem gegenseitig Kaputtmachen und dem ganzen Kindergartenscheiß in Berlin.“ Tabula rasa machen, darum ginge es den Menschen. „Die AfD ist hier nicht stark, weil bei der AfD alles so geile Typen sind und weil die alle hier übelst geile Politik machen, sondern die sind so stark, weil die anderen so schwach sind.“ Berlin also?
Jarmens Bürgermeister sieht Meckerkultur als Grund für Wahlergebnisse
Jarmens Bürgermeister, André Werner (parteilos), schlägt später am Telefon in die gleiche Kerbe. „Die Leute sind satt von den Wahlständen, wenn sonst niemand da ist“, da spreche er ganz frech für den gesamten ländlichen Raum. Er sieht den großen Zuspruch für die AfD als eine Art Modekultur und Wohlstandsverwahrlosung. „Ich habe einen befreundeten Handwerker, der hat mir gesagt, André, ich wähle AfD. Ich habe ihn dann gefragt, warum bitte tust du das.“ Er habe volle Auftragsbücher und fahre mit seiner Familie dreimal im Jahr in den Urlaub. Werner nimmt eine gewisse „Meckerkultur“ bei den Menschen wahr. Dabei ginge es den Jarmenern eigentlich relativ gut. „Leute, die früher keine Arbeit hatten, können nun teilweise zu Fuß zur Arbeitsstelle in Jarmen gehen“, sagt er.
Monchi und Werner sind sich einig. Liegt es also nicht an Jarmen? Während der Punksänger immer noch auf der Bank sitzt und darüber redet, dass er fürchtet, in zehn Jahren keine stabile Demokratie mehr zu haben, versucht eine Wespe in seine Hose zu krabbeln. Etwas scheint ihr zu gefallen. Seine bunten Tattoos, die ihr wie Blumen vorkommen? Es hat zugegeben etwas Komisches, wie der Hüne von Mann aufspringt und versucht das Insekt loszuwerden. Immer begleitet von seinem typischen Fluchen. „Willst du mich verarschen? Das ist doch ein schlechter Witz. Hau ab!“ Ein Mann jenseits der Hundert Kilo gegen eine Wespe. David gegen Goliath. Wie Monchis Kampf gegen die AfD?
Monchi kritisiert Meckern über politische Zustände
Oder ist es vielleicht gar kein Kampf, sondern nur die Suche nach Antworten? „Deshalb ist dieses Buch entstanden. Es ist kein Roman. Es ist mein Versuch, zu verstehen. Es sind Geschichten, Gedanken, Widersprüche, Fragezeichen und Ausrufezeichen“, schreibt Monchi in seinem Buch. Er wollte nicht noch ein Buch gegen die AfD schreiben oder zur allumfassenden Politikerschelte ausholen. Denn neben der Unzufriedenheit gibt es auch noch das Gefühl der Dankbarkeit, so privilegiert zu leben, wie er es tut. Daheim, bei seiner Familie in Mecklenburg-Vorpommern, das er so liebt.
Zurück zu David gegen Goliath. Und zur AfD, die es schafft, sich trotz ihrer 54 Prozent in Jarmen als David darzustellen. „Die lieben die Spaltung und die lieben sozusagen den Moment des Wir gegen Die“, sagt Monchi. Das ständige Gemecker kann er aber nicht mehr hören „Es gibt natürlich immer was zu meckern, aber ich habe darauf keinen Bock. Meckern ist auch eine Krankheit, so eine ansteckende. Mal meckert man, das ist alles okay. Aber ich will immer mehr machen als meckern. Das ist mir wirklich wichtig“, sagt der 38-Jährige. Der Skatepark, dessen Bau Monchi initiiert und mit einer Spendenaktion gefördert hat, ist einer der Versuche, etwas zu machen. Für die Jugend. Für Jarmen.
Monchi lädt zur Skatepark-Lesung in der ostdeutschen Provinz ein
Langsam gehen die Vorbereitungen im Skatepark los. Monchi sagt, „wenn später 50 oder 60 Leute kommen, wäre das schon hammerfett.“ Schon hier sei verraten: Es sollten mehr werden. „Ich hab das zwei Tage vorher angekündigt, da werden nicht alle Standing Ovations geben und sagen Mensch Monchi, da hast du aber recht. Aber überhaupt, wenn du was machst, kannst du ja schon Akzente setzen.“ Immer mehr Autos fahren auf die Wiese neben den Rampen. Bald brutzeln auf einem Grill die ersten Würstchen, Getränke sind in einem Kühlschrank kaltgestellt. Es gibt selbst gemachte Bowle.
Aus dem Kofferraum eines Skoda-Kombis heraus werden Monchis Bücher auf einen Tisch gestapelt. Die gibt es zu kaufen. Ein bisschen Werbung gehört dazu, auch weil die Lesung gratis ist. Natürlich sind die Exemplare vom Punkrocker persönlich signiert. Auch Kartenzahlung ist möglich – und das an einem Skatepark mitten in der ostdeutschen Provinz. Einer der Helfer klebt ein handgeschriebenes Plakat an den Kombi: „Monchi – Jenseits der Brandmauer, 20€, signierte Bücher“, steht darauf. Die Schlange vor dem Tisch, an den sich Gorkow inzwischen gesetzt hat, wächst. Immer mehr Besucherinnen und Besucher trudeln ein. Viele haben Campingstühle dabei. Die Bierbänke hätten ohnehin nicht für alle gereicht.
Ladenbetreiber in Jarmen schweigen zur politischen Lage
Unter ihnen, das weiß Monchi, auch Menschen, die die AfD gewählt haben. Sie kommen trotzdem. „Monchi ist jemand, der polarisiert. Es gibt Leute, die ihn toll finden und die ihn hassen“, sagt Bürgermeister André Werner. Aber man müsse die Menschen zusammenbringen, diskutieren zulassen und kein Schubladendenken an den Tag legen. „Wir kennen uns alle zu gut. Da kann man sich nicht gegenseitig aus dem Weg gehen“, so Werner. Unzufrieden sind trotzdem viele. Von den Ladenbetreibern in Jarmen wollte niemand mit uns über den Ort und die politische Situation sprechen. Aus Angst vor der AfD? Oder weil sie selbst Teil der 54 Prozent sind? Alles Spekulation.
Der Duft von Bratwurst liegt in der Luft. Die Sonne verschwindet langsam hinter dem Bäumen am Skatepark. Inzwischen sind die Bierbänke restlos besetzt und die Campingstühle stehen in Reihe. Etwa 250 Menschen haben den Weg zu Monchis Lesung auf sich genommen. Nicht alle kommen aus Jarmen. Einige sind aus den Nachbargemeinden oder sogar aus Greifswald gekommen, um den Punkrocker aus seinem Buch lesen zu hören. Auf dem Podest der Rampe steht nun nicht mehr nur der barocke Sessel, sondern auch ein Tisch, zwei Lautsprecherboxen und eine Stehlampe, deren Stiel aussieht wie ein Schiffstau. Monchi sitzt noch nicht auf dem Sessel. Er hält noch seine kleine Tochter auf dem Arm und unterhält sich mit Freunden und Bekannten.
Monchi bleibt wegen seiner Familie in Jarmen und Vorpommern
Der Grund, warum Monchi nicht einfach aus Vorpommern und Jarmen wegzieht? Seine Familie. Er ist Vater. „Unfassbar, dass ein Chaot wie ich Papa ist“, sagt er. Der AfD und den „Faschos“, wie er sie nennt, einfach das Feld zu überlassen, kommt für ihn nicht infrage. Auch wenn er in seinem Buch immer wieder die Frage aufwirft, ob es noch richtig ist, hier zu sein. Jeder kennt ihn, er wurde schnell zur Zielscheibe der Rechten. Im Buch beschreibt er, wie die „Faschos“ sich beispielsweise nachts an seinem Briefkasten zu schaffen machen. „Es gibt einen Preis zu bezahlen, sich mit mir zu umgeben. Das ist schon lange so. Und klar, natürlich ist die Befürchtung, dass es vielleicht noch doller wird, aber ich habe jetzt auch keinen Bock diesen Leuten die Angst zu schenken“, sagt Monchi. Aber manchmal gibt es sie doch, die Momente, in denen er denkt, vorbei, das wars, ich gehe weg.
Von einer Brandmauer will der 38-Jährige trotz der Sorge um seine Familie nichts wissen. „In so einem Dorf oder Kleinstadt, kannst du keine Brandmauer halten. Das ist ja Quatsch.“ Die Menschen haben Angst um ihre Renten, um ihr Erspartes, Angst vor dem Krieg. „Die haben nach der DDR das erste Mal Kapital aufgebaut, haben gedacht, sie können das ihren Kindern vererben. Das ist teilweise weg.“ Für diese Ängste hat er Verständnis, auch wenn die Leute aus seiner Sicht die falsche Konsequenz daraus ziehen, indem sie die AfD wählen. „Einem Großteil der Leute sind jetzt irgendwie Argumente scheißegal, die wählen nicht nach Argumenten, sondern nach Emotionen“, sagt Monchi. So ähnlich steht das alles auch in seinem Buch.
Monchi schildert Gewalt durch "Dorf-Faschos" bei Buchlesung
Um kurz nach 19 Uhr begibt sich Monchi langsam auf den Weg zu seinem Thron. Seit die Sonne verschwunden ist, hat es merklich abgekühlt. Er trägt aber immer noch seine Flip-Flops und die kurze Hose. Als ehemaliger Hansa Rostock Ultra stand er wohl schon öfter oberkörperfrei in der Fankurve und trotzte den Temperaturen. Es wird stiller. Nur noch die spielenden Kinder toben auf den Rampen und dem Sportplatz direkt neben dem Skatepark herum. Monchi liest aus Kapiteln quer durch sein Buch. In einem beschreibt er, wie der Nachbar, der zwei Häuser vom Proberaum von FSF entfernt wohnt, eine schwarz-weiß-rote Flagge mit Reichsadler darauf gehisst hat. Das Publikum lacht das erste Mal, als er sagt: „Er hat wohl mitbekommen, wer neben ihm eingezogen ist.“ In einem anderen Kapitel schildert er, wie ihn die „Dorf-Faschos“ auf einer Party aufs Übelste verprügelten, ihn festhielten, ihm immer wieder ins Gesicht traten, bis er irgendwann das Bewusstsein verlor. Ein Moment, in dem er dachte, er stirbt jetzt und den er im Nachhinein als den Auslöser bezeichnet, etwas gegen die „Faschos“ zu unternehmen. Einige Besucher scheinen die Geschichte zu kennen, andere wirken eher schockiert.
Unter den Besuchern ist auch Robert Wolter. Für ihn ist Jan das Aushängeschild Jarmens. „Er ist wirklich mit Herz und Seele dabei und steht auch für seine Stadt und für die Kinder und auch für alle anderen.“ Monchi hat mit Projekten wie dem Skatepark oder dem „Wasted in Jarmen Festival“, das FSF einmal im Jahr veranstaltet, wieder mehr Leben in den Ort gebracht. „Er hat viele wieder zusammengebracht, die Stadt auch ein bisschen wieder zusammen, die war sehr gespalten gewesen. Mittlerweile sieht man ja auch, wie viele Leute hier kommen und wieder miteinander auch alles funktioniert“, sagt Wolter. Quertreiber und Ablehnung gebe es aber trotzdem. Jemanden, auf den man schimpfen kann, bräuchten die Leute ja immer.
Bestseller-Autor Monchi singt für seine Tochter und die Fans
In manchen Kapiteln, die er vorliest, wird ordentlich geflucht. Im typisch norddeutschen Schnack versteht sich. Er trägt sein Herz auf der Zunge. Und so hat er auch sein Buch geschrieben. Authentisch mögen es die einen nennen, die anderen würden vielleicht vulgär sagen. Harte Schale, weicher Kern? Auf jeden Fall ist Monchi ein Familienmensch, der sich um die Zukunft seiner Tochter sorgt. „Ich hab noch nie jemanden so geliebt wie sie. Ich hab das Gefühl, dass ich jetzt erst so richtig weiß, was Liebe ist“, liest er aus seinem Buch vor. Seine Partnerin, seine Eltern und sein jüngerer Bruder sitzen im Publikum.
In seinem Buch macht Monchi mehr Fragen auf, als er Antworten gibt. Er kennt sie doch auch nicht alle, aber er hat sich dazu eben seine Gedanken gemacht. Auf der Sachbuch-Bestsellerliste ist er mit „Jenseits der Brandmauer“ direkt auf Platz eins eingestiegen: Monchi, einst beobachtet vom Verfassungsschutz, vorbestraft, weil er als Jugendlicher ein Polizeiauto abgefackelt hat, ist jetzt also auf den Lesebühnen in Deutschland unterwegs und erzählt vom Leben in der ostdeutschen Provinz. Die vielleicht doch nicht so ist, wie es sich manche in der großen Stadt ausmalen, wenn sie über die Brandmauer philosophieren. Eine Mauer, die laut ZDF Politbarometer 61 Prozent der Befragten derzeit für richtig halten. Aktuellen Umfragen zufolge steht die AfD bei etwa 36 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern und ist damit stärkste Kraft. Hier bröckelt die Brandmauer längst. Der Ost-Erklärer, der aber will er nicht sein. Nicht als „Diss“ gemeint, sagt Monchi, aber manchmal denke er, dass in der Großstadt die Leute schon in einer ganz anderen Welt unterwegs sind. „Ich habe das Gefühl, ich muss denen das einmal eins erklären und die haben das Gefühl, sie müssen mir das einmal eins erklären.“ Daran merke er das Auseinanderdriften von Stadt und Land massiv.
Monchi spricht über AfD und Heimat in der ostdeutschen Provinz
Es sind verrückte Tage eben, nicht nur in Jarmen, wo jeder weiß, wie er tickt, die „linke Zecke“, sondern in ganz Deutschland, wo schon mit großen Augen auf die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September geschaut wird. Genervt von der politischen Realität in seiner Heimat, wo er nach so manchem Gespräch mit einem AfD-Wähler am liebsten kotzen möchte. Aber auch dankbar für sein privilegiertes Leben mit Haus, Kind und Freunden. Und dafür, dass er in Deutschland geboren wurde. „Ich hatte einfach großes Glück, dass meine Eltern in Vorpommern gefickt haben und nicht in Aleppo“ schreibt er. Diese Ambivalenz zwischen Liebe zur Heimat und der Verachtung für die politische Entwicklung bringt er im Buch zum Ausdruck. Auf eine etwas derbe Art und Weise. Aber authentisch.
Es wird immer dunkler. Von der Hitze der vergangenen Tage ist nichts mehr zu spüren. Einige Besucherinnen haben sich bereits Decken über den Schoß gelegt. Inzwischen hat es nur noch 16 Grad. Monchi liest die letzte Passage des Abends aus seinem Buch. „Die schwarz-weiß-rote Fahne neben unserem Proberaum hat den Winter nicht überlebt.“ Einige können sich das Lachen nicht verkneifen. Neben der Bühne wird schon eine Leuchtfackel gezündet. Die Lesung klingt aus. „Geil, es wird schon gezündelt“, freut sich Monchi. Am Tag darauf wird er wieder ein Interview geben. Über sein Buch, seinen Heimatort und wie es ist, sein Leben jenseits der Brandmauer in der ostdeutschen Provinz. Die AfD, sagt Monchi nüchtern, „ist hier die bürgerliche Mitte“.
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