Немецкий Общество
06.07.2026 Читать источник
В Берлине школьники с инвалидностью учатся в обычных классах при поддержке ассистентов

В Берлине реализуется программа инклюзивного образования, позволяющая детям с особенностями развития посещать обычные школы с помощью специальных ассистентов. Родители отмечают, что совместное обучение помогает всем учащимся развивать эмпатию и видеть успехи друг друга.
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Johann lässt die Fäuste umeinander kreisen, macht einen Tanzschritt nach rechts, dann wieder nach links. Leicht angeschwitzte braune Haare, vor Freude geweitete Augen hinter Brillengläsern. Aus der kleinen roten Box in der Sporthalle pumpt Rap von 50 Cent. Kurz vor den Sommerferien ist Projektwoche an der Berliner Heinz-Brandt-Schule – und Johann und seine Mitschüler:innen tanzen zu Hip-Hop.
Auf einer Bank am Rand der Halle sitzt ein schmaler Mann im schwarzen T-Shirt, das graue Haar kurzgeschoren. Das ist Frank. Ab und zu läuft Johann zu ihm herüber und umarmt ihn fest. Dann tanzt er weiter.
Johann ist 14 Jahre alt und wurde mit Trisomie 21 geboren. Frank Zilm hilft ihm dabei, seine Schule in Pankow genauso besuchen zu können wie seine nicht-behinderten Mitschüler:innen. Inklusionsassistenz nennt man seinen Job, davor hieß es Schulbegleiter. "Wir brauchen ihn, weil der ja auch mich betreut", sagt Johann. "Das Erste ist, dass man den Kindern das Gefühl gibt, dass sie erfolgreich sein können", sagt Zilm.
Ohne Schulbegleitung keine Regelschule
Frank Zilm begleitet zehn bis zwölf Schülerinnen und Schüler, wie er sagt. Johann trifft er morgens in der Schule und sorgt dann dafür, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist: Pünktlich im Unterricht, mit den Schulsachen, die er dann braucht. "Ich versuche ihn auch zu motivieren, schwierige Dinge anzugehen", sagt Zilm. Früher arbeitete er in der Filmbranche, dann suchte er einen Job, der ihn mehr erfüllt, erzählt er. Hier habe er ihn gefunden. Im Gespräch strahlt er eine bemerkenswerte Ruhe aus.
Knapp 4.000 Berliner Schüler:innen haben Wegbegleiter wie Frank Zilm. Ihre Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich: Viele sind wie Johann kognitiv eingeschränkt, andere brauchen Unterstützung wegen ADHS, Autismus oder einer Gehbehinderung. Aber sie alle haben einen Anspruch darauf, Regelschulen besuchen zu dürfen wie andere Kinder auch. Ohne Schulbegleitung könnten sie das nicht.
Fünf Stunden Assistenz für eine gesamte Schulwoche
Dieses Recht auf Inklusion, zu dem sich Deutschland vor 17 Jahren gesetzlich verpflichtet hat, kostet den Staat mehr Geld, weil die Zahl der betroffenen Kinder auf Regelschulen zunimmt [mdr.de]. Das liegt zum einen daran, dass heute mehr betroffene Kinder eine Diagnose bekommen – weil beispielsweise Autismus-Spektrum-Störungen oder ADHS besser erkannt werden als früher. Zum anderen nehmen mehr Eltern das Recht wahr, ihr Kind auf Regelschulen statt auf Förderschulen zu schicken. Das treibt die Nachfrage nach Schulbegleitung nach oben. Die Regierung will nun daran sparen: Individuelle Begleitung soll die Ausnahme werden, eine sogenannte Pool-Lösung die Regel.
In Berlin ist das schon Alltag. "Wir haben einen Pool an Inklusionsstunden, der uns zugeteilt wird. Aktuell sind wir bei fünf Stunden pro Woche für Kinder mit Schulassistenz. Eine Schulwoche hat aber über 30 Unterrichtsstunden. Das heißt: Wir müssen uns sehr genau überlegen, in welche Stunden können wir die Ressource geben? Welche Kinder können wir sinnvoll miteinander zusammensetzen?", sagt Petra Salzmann, Sonderpädagogin an der Heinz-Brandt-Schule. Die Kinder seien aber nicht unbedingt in einer Klasse, geschweige denn in einem Jahrgang. "Das ist für uns ein unfassbarer organisatorischer Aufwand", sagt die Lehrerin.
Am Ende sind viele Seiten frustriert
Für das Recht auf Teilhabe stehen schon heute nicht genügend Ressourcen bereit - was am Ende viele Seiten frustriert: Überforderte Lehrkräfte, Eltern, Kinder, die nicht genug Unterstützung bekommen, Schulbegleiter:innen, die mehreren Kindern mit völlig unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden müssen. An der Heinz-Brandt-Schule klappt es nur, weil auch Lehrerinnen und Lehrer einspringen, wo Schulbegleiter fehlen.
Johann und Frank gehen von der Sporthalle in den Keller des rotgeklinkerten Schulbaus. Unter Neonröhren stehen alte Räder und Regale mit Werkzeug, daneben stapelt sich Holz. In der Werkstatt lernt Johann, Bremsen zu prüfen und Schrauben zu lösen. Gerade pumpt er mit aller Kraft einen Vorderreifen auf. "Das war richtig cool", sagt Frank Zilm, "er hat angefangen zu lernen, wie man Fahrräder repariert".
"In einer Welt klarkommen, die nicht nur aus Menschen mit Behinderung und geschultem Personal besteht"
Johann braucht Zuspruch und Orientierung, die neun Jahre alte Sara aus Marzahn benötigt einiges mehr. Sie kam mit dem seltenen Gendefekt Glut1DS auf die Welt, deswegen wird ihr Gehirn nicht mit genug Energie versorgt [glut1.de]. Sara kann nur mit Unterstützung laufen und wenige Worte sprechen. "Saras Zwillingsbruder ist altersgerecht entwickelt. Uns war wichtig, dass beide auf dieselbe Schule gehen – wir haben nicht verstanden, warum das eine Kind dahin und das andere Kind woanders hin soll", sagt die Mutter Maria Barthel. In einer bundesweiten Befragung von Eltern von Kindern mit Behinderung sprachen sich fast 82 Prozent für ein gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung aus [institut-fuer-menschenrechte.de].
Sara und ihr Bruder gehen auf den Grünen Campus Malchow, eine Schule in Lichtenberg. Ihre Begleiterin hilft Sara zum Beispiel beim An- und Ausziehen, beim Essen, auf der Toilette – und unterstützt sie beim Training mit ihrem Talker, einer Art Tablet, das Symbole auf Tasten als hörbare Wörter ausgibt. "Es geht weniger um Noten, sondern darum, in einer Welt klarzukommen, die nicht nur aus Menschen mit Behinderung und geschultem Personal besteht", sagt Saras Mutter.
Das Schulamt bewilligte Sara aus dem verfügbaren Pool erstmal nur vier von gut 42 nötigen Wochenstunden - den Rest musste die Familie zusätzlich beim Jugendamt beantragen. "Bei Kindern wie Sara, bei denen klar ist, dass sich der Zustand nicht ändern wird, ist es absurd, dass ich jedes Jahr wieder einen neuen Antrag stellen muss. Sie wird die nächsten zehn Jahre zur Schule gehen, weil sie schulpflichtig ist", sagt Maria Barthel.
Kommunen: Ausgaben haben sich seit 2014 mehr als verdoppelt
Warum die Behörden immer wieder alles haarklein beantragen lassen, liegt daran, dass die Kosten für Leistungen wie Schulbegleitung deutlich gestiegen sind. "Die Kosten für die Eingliederungshilfe haben sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt. Im Jahr 2014 lagen sie bei knapp 14,5 Milliarden Euro, im Jahr 2024 waren wir bei 28,9 Milliarden Euro", sagt Marc Elxnat von deutschen Städte- und Gemeindebund.
Die Zahl der Kinder, die in Berlin Schulbegleitung bekommen, stieg in den vergangenen sieben Jahren um gut 23 Prozent. Marc Elxnat plädiert wie der Bund dafür, den individuellen Rechtsanspruch auf Schulbegleitung zugunsten von Pooling-Systemen einzuschränken. Einzelbetreuung soll nur dort möglich sein, wo Pooling nicht funktioniert.
Raul Krauthausen, Inklusionsberater und Aktivist für Menschen mit Behinderung, hält dagegen: Pooling sei praktisch kaum in einer angemessenen Qualität umsetzbar. "Das klingt erst einmal gut, weil angeblich Ressourcen gebündelt werden und Personal effizienter eingesetzt wird. Aber was macht man, wenn ein Kind Sportunterricht hat und ein anderes eine Freizeit-AG?", sagt Krauthausen.
Laut der Berliner Bildungsverwaltung können rund 2.800 Berliner Kinder mit Einschränkung aktuell nicht ihre Schulpflicht erfüllen - weil Schulbegleitung fehlt oder geeignete Schulen voll sind. "Als Menschen mit Behinderung haben wir gelernt, uns die ganze Zeit zu rechtfertigen, warum wir Unterstützung oder Fördermaßnahmen brauchen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass das Recht auf Teilhabe etwas ist, wofür man sich nicht rechtfertigen muss", sagt er. Sein Vorwurf: Pooling ist nur dann Inklusion, wenn es genug Personal gibt. Sonst ist es Kürzung mit freundlichem Namen.
"So einfach ist das"
Johann wuchs schon in der Kita und Grundschule zusammen mit Kindern ohne Behinderung auf. Er kocht gerne, schwimmt, fährt Ski, spielt bei Alba Inklusionsbasketball. In seinem Zimmer im Haus seiner Eltern in Mitte hängt eine E-Gitarre an einer Kletterwand, eine Autogrammkarte von einem Rennfahrer, Familienfotos mit seinen Eltern und beiden Geschwistern.
Johanns Mutter Patricia Habild sitzt ein paar Meter weiter an ihrem Schreibtisch, sie arbeitet in der Hotelbranche. Ohne Schulbegleiter könnte sie das nicht. Die Sicherheit, dass es ihrem Sohn in der Schule gut gehe, sei das eine, sagt Habild. Das andere sei eine einfache Rechnung: "Wenn Johann nicht in die Schule gehen kann, weil er nicht ausreichend versorgt und betreut wird, bleibe ich zu Hause, verdiene kein Geld, müsste dann Sozialleistungen beziehen. So einfach ist das. Und so geht es ja nicht nur mir, sondern vielen anderen Leuten", sagt sie.
Was Inklusion für Kinder ohne Behinderung bedeutet
Saras Mutter Maria Barthel erzählt, was der sperrige Begriff Inklusion nicht nur mit ihrer Tochter, sondern auch mit ihren nicht-behinderten Mitschüler:innen gemacht hat. Sara muss jedes Jahr in die Reha. Die anderen Kinder schickten ihr aufmunternde Briefe - sie hatten es selbst vorgeschlagen.
Im Gedächtnis blieb Maria Barthel noch eine Szene aus der Cafeteria der Schule. Ein paar andere Schüler hätten sich über Sara lustig gemacht, weil sie Windeln trägt. "Die Kinder aus ihrer Lerngruppe haben sich vor Sara gestellt und gesagt: Hast du nicht gesehen, was sie jetzt schon gelernt hat? Sie läuft schon!", sagt Barthel. "Sie bekommen also ihre Fortschritte mit – und sind gemeinsam mit ihr stolz darauf."
Beitrag von Sebastian Schneider, mit Material von Helena Daehler und Christina Rubarth
Sendung: rbb24 Abendschau, 06.07.2026, 19:30 Uhr
Video: rbb24 Abendschau, 06.07.2026, C. Rubarth/H. Daehler, Im Studio: Christine Braunert-Rümenapf (Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung)
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